Vor einem Jahr hätte ich die Frage, ob ein KI-Agent im Betrieb etwas bringt, mit „vermutlich irgendwann“ beantwortet. Heute läuft bei uns einer mit, und ich möchte ihn nicht mehr hergeben. Das ist kein Test aus dem Labor — das ist der Stand nach mehreren Monaten Produktivbetrieb in einem Betrieb, der Leitwarten und Kontrollräume baut.
Der Agent heißt Hermes, kommt von Nous Research, ist quelloffen unter MIT-Lizenz und läuft auf einem kleinen eigenen Server. Was er bei uns übernimmt:
- E-Mail. Er hängt am Firmenpostfach, bereitet Antworten vor, schreibt ganze Mails und korrigiert meine Entwürfe.
- Websites. Er ist mit allen unseren Firmenseiten verbunden — hält sie aktuell, kümmert sich um Datenbank und Erweiterungen, arbeitet an der Auffindbarkeit und erstellt neue Inhalte.
- Angebote. Über die Schnittstelle unserer Auftragssoftware Billomat legt er Angebote an, rechnet Kalkulationen und macht aus einem Angebot auf Wunsch eine Tabellenkalkulation.
- Recherche zu rechtlichen Fragen. Er sucht die einschlägigen Stellen heraus und bereitet sie auf, damit ich weiß, worüber ich mit dem Anwalt rede.
- Erinnerungen und wiederkehrende Aufgaben. Fristen, Termine, tägliche Abläufe — zeitgesteuert, ohne dass ich daran denken muss.
Das sind die wichtigsten Punkte, nicht alle. Und der entscheidende Unterschied zu einem Chatfenster: Ich muss ihn nicht öffnen. Er läuft.
Was Hermes eigentlich ist
Hermes ist kein Produkt mit Anmeldemaske und Monatsabo, sondern ein Programm, das man auf einem eigenen Server betreibt. Der Unterschied klingt technisch, ist aber praktisch: Der Agent gehört einem selbst, samt seiner Daten und seinem Gedächtnis.
Er merkt sich, was er über den Betrieb lernt
Das ist der Kern. Ein gewöhnliches Chatfenster beginnt jedes Gespräch bei null — man erklärt zum zwanzigsten Mal, wie die Angebote aufgebaut sind und wer die Ansprechpartner sind. Hermes behält das. Er baut über die Zeit ein Bild vom Betrieb auf und erzeugt aus wiederkehrenden Abläufen eigene Fähigkeiten, die er beim nächsten Mal wiederverwendet.
Nach ein paar Wochen merkt man den Unterschied deutlich: Anfragen werden kürzer, weil der Zusammenhang schon da ist.
Er ist über die üblichen Kanäle erreichbar
Telegram, Signal, Slack, Discord, WhatsApp oder die Kommandozeile — alles über denselben Dienst, mit durchgehendem Gesprächsverlauf. Sprachnachrichten werden transkribiert. Praktisch heißt das: Man schreibt ihm vom Handy aus, während der Server irgendwo arbeitet.
Er arbeitet zeitgesteuert
Ein eingebauter Zeitplaner führt Aufträge aus, ohne dass jemand sie anstößt — beschrieben in normaler Sprache. Der Tagesbericht um sieben, die Erinnerung an eine Frist, die nächtliche Kontrolle, ob die Sicherung gelaufen ist.
Er ist an kein Modell gebunden
Bei uns läuft er über OpenRouter mit Claude von Anthropic. Das ist eine Einstellung, kein Umbau — über OpenRouter stehen mehr als 300 Modelle bereit, dazu OpenAI, Nous Portal und andere Anbieter. Wer will, betreibt ein Modell auf eigener Hardware; Ollama, LM Studio und vLLM werden unterstützt. Der Wechsel ist ein Befehl.
Das ist mehr als eine technische Fußnote. Wenn ein Anbieter die Preise verdoppelt oder ein Modell abkündigt, wechselt man — ohne dass ein Arbeitsablauf zerbricht.
Wo der Nutzen bei uns tatsächlich entsteht
Angebote und Kalkulationen
Der größte einzelne Posten. Ein Angebot in unserem Geschäft besteht aus vielen Positionen mit unterschiedlichen Aufschlägen je Lieferant, Rundungsregeln und wiederkehrenden Textbausteinen. Das von Hand zusammenzustellen dauert Stunden und ist fehleranfällig, weil sich Zahlen durch alle Positionen ziehen.
Hermes hängt über die Schnittstelle direkt an der Auftragssoftware, legt Positionen an, rechnet die Aufschläge und liefert auf Wunsch die Tabelle dazu. Ich prüfe und entscheide — aber ich tippe nicht mehr ab.
Nicht das automatische Versenden, sondern das Vorbereiten. Eine Anfrage kommt herein, er entwirft die Antwort mit dem Zusammenhang, den er über den Kunden schon hat. Ich lese, ändere zwei Sätze, schicke ab. Bei einer Mail spart das fünf Minuten. Bei zwanzig am Tag ist es ein Vormittag.
Websites
Unsere Seiten laufen auf WordPress. Hermes kümmert sich um die Pflege, die sonst liegen bleibt: Erweiterungen aktuell halten, Datenbank sauber, fehlende Metadaten und Alternativtexte ergänzen, Inhalte erstellen. Was an einer Firmenwebseite regelmäßig anfällt und wie man es einem Agenten übergibt, steht ausführlich im Beitrag Website-Pflege automatisieren.
Was es kostet
- Die Software selbst: nichts. MIT-Lizenz, quelloffen, kein Abo.
- Der Server: ein kleiner virtueller Server ab wenigen Euro im Monat. Er muss durchgehend laufen, damit der Agent zeitgesteuert arbeiten kann.
- Die Modellnutzung: der eigentliche laufende Posten, abhängig davon, wie viel man ihn arbeiten lässt. Man zahlt pro Anfrage, nicht pro Monat — wer wenig nutzt, zahlt wenig.
Wo er läuft — und wie man das aufsetzt
Hermes braucht keinen großen Rechner. Er läuft auf einem kleinen virtuellen Server, wie ihn jeder Anbieter im Programm hat. Wir betreiben ihn auf einem VPS bei Hostinger — vier Gigabyte Arbeitsspeicher reichen mit Reserve, und ein europäisches Rechenzentrum ist wählbar, was bei Firmendaten der Punkt ist, auf den man achten sollte.
Die Installation selbst ist ein einzelner Befehl:
curl -fsSL https://raw.githubusercontent.com/NousResearch/hermes-agent/main/scripts/install.sh | bash
Danach hinterlegt man einen Modellzugang — bei uns OpenRouter — und der Agent läuft. Für Windows gibt es einen eigenen Installer, unter Linux und macOS reicht die Zeile oben.
Ganz ehrlich zur Einordnung „kinderleicht“: Wer schon einmal per SSH auf einem Server war, schafft die Grundeinrichtung an einem Nachmittag. Wer noch nie eine Kommandozeile gesehen hat, sollte sich jemanden dazuholen — nicht wegen der Installation, sondern wegen allem danach: Zugänge einrichten, Rechte begrenzen, Sicherungen aufsetzen.
Transparenzhinweis: Wir sind bei Hostinger selbst zahlender Kunde — der Agent läuft dort tatsächlich. Der Link oben ist kein Provisionslink: er führt direkt zum Anbieter, ohne Zuordnung zu uns, und wir verdienen daran nichts. Sollte sich das ändern, steht es an dieser Stelle. Am Urteil ändert das ohnehin nichts: Hermes läuft auf jedem VPS mit vergleichbarer Ausstattung, und wenn ein anderer Anbieter für deinen Fall besser passt, nimm den anderen.
Was man vorher wissen sollte
Der Bericht wäre unvollständig ohne die Punkte, die Mühe machen.
- Ein Agent mit diesen Zugängen ist Vertrauenssache. Er kommt an E-Mail, Websites und Auftragssoftware. Das gehört auf einen eigenen Server mit eigenen Zugängen und begrenzten Rechten — nicht nebenbei auf den Arbeitsrechner. Wer hier schludert, baut sich ein Risiko ein.
- Er entscheidet nichts allein. Angebote gehen nicht raus, ohne dass ich sie gesehen habe. Mails auch nicht. Der Agent bereitet vor, ich gebe frei. Diese Grenze ist keine Vorsicht auf Zeit, sondern dauerhaft.
- Bei rechtlichen Fragen bereitet er auf, mehr nicht. Er findet die einschlägigen Stellen und ordnet sie ein — das spart Zeit vor dem Anwaltstermin. Er ersetzt den Termin nicht, und man sollte ihn auch nicht so einsetzen.
- Es gibt keinen Support. Quelloffen mit MIT-Lizenz heißt: keine Gewährleistung, keine Hotline. Bei einem Problem sind GitHub und ein Discord-Kanal der Weg.
- Datenschutz hängt am Modell, nicht am Agenten. Der Agent läuft auf deinem Server. Was er an ein Cloud-Modell schickt, verlässt den Betrieb. Wer Kundendaten verarbeitet, klärt das vorher — bei Hermes wie bei jedem anderen Werkzeug.
Würde ich es wieder machen
Ja, und zwar früher. Der Aufwand liegt vollständig am Anfang: Server aufsetzen, Zugänge einrichten, dem Agenten beibringen, wie der Betrieb tickt. Danach wird es jede Woche etwas besser, weil er mehr weiß.
Der Punkt, an dem es gekippt ist, war nicht ein spektakuläres Ergebnis. Es war der Morgen, an dem ein fertiger Angebotsentwurf dalag, den ich nur noch prüfen musste — und mir auffiel, dass ich diese zwei Stunden gar nicht mehr eingeplant hatte.
Angaben zum Stand: Hermes Agent im Produktivbetrieb seit Juni 2026, betrieben über OpenRouter mit Claude von Anthropic. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuelles Release: v2026.8.3. Die Angaben beruhen auf eigener Nutzung im laufenden Geschäft, nicht auf einem Labortest. Was für uns funktioniert, muss für einen anderen Betrieb nicht passen.
Läufst du auch mit einem Agenten? Wir sind an Erfahrungen interessiert, besonders an den unangenehmen — was hat länger gedauert als gedacht?
[…] Sein Server kann in Europa stehen und trotzdem Eingaben an einen externen Modelldienst schicken. Im Hermes-Erfahrungsbericht beschreibe ich diese Grenze bereits für unseren […]